Warum ist Musik für Kinder oft so schlecht?

by Michael Doering on February 26, 2010

Ein Thema, das mich als Musiker immer und immer wieder beschäftigt. Früher habe ich es ignoriert – es war mir einfach nur egal – doch seit ich selber Kinder habe und diese ständig von allen Seiten mit schlimmen Tönen jedweder Art von überall her beschallt werden, greift mein natürlicher Abwehrmechanismus des Ignorierens nicht mehr. Was gibt es auf dem Kinderlieder-Markt…. und warum eigentlich? Die schonungslose Analyse des Status Quo:

Die Traditionellen

Dies ist die Abteilung Kinderchöre & Co. Mit diesen Aufnahmen (oft mit exakt diesen) wurden die heutigen Eltern bereits beschallt – oft sogar schon die heutigen Großeltern. Die Aufnahmen reichen zum Teil zurück bis in die 70er und 60er Jahre und sind handwerklich meist solide. D.h. man hört noch echte Musiker und dazu die obligatorischen Kinderchöre, die von gut ausgebildeten Dirigenten dazu gedrillt wurden, das zu singen, was man ihnen eingetrichtert hat. Was hier auf der Strecke bleibt, ist Authenzität und echter Spaß. Niemand würde den Jungs eines Knabenchores abkaufen, dass die morgendlichen Wanderfreuden, welche sie so vehement lobpreisen, echt sind. Und schon gar nicht im Frühtau;-)) Daher klingt alles etwas bieder und gezwungen. Wegen der veralteten Aufnahme- und Produktionstechnik klingen diese CDs meist auch etwas matt und staubig. Dies ist definitiv nicht der Platz für Rock’n'Roll.

Die Industrieware

Leitet sich in der Tendenz aus der obigen Gruppe ab, zeichnet sich allerdings durch eine höhere Professionalität aus. Professionalität leider vor allem in geschäftlicher Hinsicht. Hier geht es im wesentlichen um Gewinnmaximierung durch Kostenminimierung. Musiker werden ersetzt durch billigst eingekaufte massenhaft vorproduzierte Playbacks. Diese wiederum werden etwa seit den frühen 80er Jahren nicht mehr mit echten Musikinstrumenten produziert sondern bestehen lediglich aus sogenannten MIDI-Files. Für den Laien: Alle Instrumente werden automatisch von standardisierten Keyboardsounds imitiert. Mehr über die technischen Hintergründe von MIDI gibt es hier.
Musikalisch betrachtet findet man hier immer das Offensichtliche. Das heißt: Die einfachsten Melodien, die einfachsten Akkorde, die einfachsten Rhythmen. Nichts, das die Masse der Kinder oder Eltern irgendwie irritieren könnte. Diese CDs klingen nach dem was sie sind: Industrieware. Leblos, lieblos, seelenlos.

Die Revoluzzer

Hier finden wir die Produzenten, die sich vom biederen, traditionellen und miefigen Liedgut abheben wollen und dann gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Das Resultat: Ballermann für Kinder. Kindertechno. Übelster musikalischer Abfall. Das bereits unterirdische Niveau der üblichen Ballermann Produktionen für Erwachsenen wird hier noch einmal unterboten. Es gibt kaum etwas Schlechtes, das man nicht noch schlechter machen könnte! Armes Deutschland…

Die politisch Korrekten

Und das andere Extrem, die andere Seite des Pendels. Wir befinden uns in der Abteilung “Mozart schon für das Ungeborene” oder “Intelligenz durch Klassik”oder ganz allgemein “Nur-das-Beste-für-mein-kleines-Genie”. Elitäre Musik für elitäre Kinder elitärer Eltern… Diese Eltern würden ihren Kindern keine Musik zumuten, die nicht zumindest den Preis der Deutschen Phonoindustrie für die pädagogisch wertvollste Produktion gewonnen hat. Doch auch zuviel des Guten ist immer noch – zuviel. Manchmal möchte auch ein kleines Genie einfach einmal etwas Lebensfreude spüren, auch oben herum für die Ohren. Es muß nicht immer Mozart oder Chopin sein für die 3-jährigen!

Die ambitionierten Amateure

Die ambitionierten Amateure haben das Übel erkannt und wollen es selber besser machen – können es aber nicht. Sie sind Amateurmusiker, gehen in ihren Hobbyraum, greifen beherzt in die Tasten ihres Homekeyboards mit Begleitautomatik und produzieren eigenene Kinderlieder. Oder die andere Fraktion der Amateure: Lehnt alles ab, was elektronisch ist und greift daher zu Wandergitarre, Akkordeon oder Blockflöte und versucht es damit. Heutzutage kann jeder seine eigene Musik aufnehmen. Jeder PC kann mit Computersoftware für 10 Euro zum Studio werden. Die Kehrseite der Medaille: Zu einer guten Aufnahme gehört nicht nur ein Instrument und ein Mikrofon sondern ebenso ein gewisses produktionstechnisches Grundwissen. Die musikalischen und klangtechnischen Ergebnisse derartiger Amateurproduktionen sind daher oft ernüchternd. Matt klingende Instrumente, schräge Gesänge, amateurhafte Texte. Amateurproduktionen, die auch nach Amateurproduktionen klingen. Gut gemeint aber schlecht gemacht.

Doch was kann man tun?

Qualität statt Quantität! Kaufen Sie Ihrem Kind Musik, die Seele hat. Musik, die gut ist für Erwachsene, ist auch gut für Kinder. Nichts spricht dagegen, einem Kindergartenkind ein Best-of Album zu schenken von Abba oder den Beatles. Vor der Grundschule muss es noch nicht unbedingt Metallica sein aber wenn es dem Kind gefällt – warum nicht? Aber das wichtigste: Wer möchte, dass sein Kind ernsthaften Zugang zur Musik findet, sollte ihm das nötige Werkzeug dazu an die Hand (und in die Hand) geben: Ein Musikinstrument. Welches Musikinstrument? Viele Antworten und Anregungen zu dem Thema gibt es in diesem Musikinstrumenten-Ratgeber
Wer ein Kinderliederalbum sucht mit den bekanntesten und beliebtesten deutschsprachigen Klassikern, dem möchte ich abschliessend diese liebevoll produzierte Kinder- und Volkslieder CD ans Herz legen.

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